31. August 2010

Höchste Geistes- und Seelenbildung
bekundet es, alles in seiner
Muttersprache sagen zu können.
(Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831)
In einer Pressemitteilung vom 13. Juni 2008 verffentlichte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage zum Thema “Wie denken die Deutschen über ihre Muttersprache und über Fremdsprachen?”
Zugegeben: 2008 – das ist nicht gerade gestern; zwei Jahre sind in unserer schnelllebigen Zeit ein Zeitraum, der sich in der subjektiven Wahrnehmung vieler dramatisch kontrahiert, obwohl – oder vielmehr: weil – er mit 2x 365 x X neuen Entwicklungen gefüllt ist. Es sei X die Zahl der alltäglich neu über uns hereinbrechenden Nachrichten und Neuerungen, Entwicklungen und Enthüllungen, Formen und Reformen, Menschen und Moden, und last not least: Wörter und neuen Wörter.
Das Institut für Demoskopie in Allensbach hatte zwischen dem 4. und 17. April 2008 insgesamt 1.820 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahre mündlich-persönlich zum Thema ‚deutsche Sprache’ im weitesten Sinne befragt. Und da Einstellungen zur Sprache sicherlich nicht auf den kleinen, sondern den großen Wellen surfen, nicht einem Tageskurs unterliegen, sondern eher über Jahre augenfällig und abfragbar werden, halte ich die Ergebnisse von 2008 für immer noch relevant und interessant genug, um einen Blick darauf in diesem Blog zu werfen.
Unter “Die Einstellung der Deutschen zum »Sprachverfall” konstatiert die Studie zunächst ein eher trübes linguistisches Lebensgefühl.
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” In der Wahrnehmung einer großen Mehrheit der Bundesbürger droht die deutsche Sprache mehr und mehr zu verkommen. 65 Prozent teilen diese Einschätzung. Vor allem Ältere sorgen sich über einen Verfall der deutschen Sprache, aber auch von den Jungen sieht dies jeder Zweite so. Vielfältige Ursachen werden dafür angeführt: Dass heute weniger gelesen und mehr ferngesehen wird, dass der Einfluss anderer Sprachen auf die deutsche Sprache stark zunimmt und ganz allgemein weniger Wert gelegt wird auf eine gute Ausdrucksweise schon im Elternhaus, in der Schule, in den Medien, insbesondere auch bei der Kommunikation via SMS oder E-Mail. Hinzu kommen Verunsicherung durch die Rechtschreibreform sowie mehr und mehr unverständliche Abkürzungen. 42 Prozent der Bevölkerung urteilen, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger heute schlechter ausdrücken können als noch vor 20, 30 Jahren.”
Dass Ältere die Dinge bisweilen kritischer sehen als die Jugend, ist Allgemeingut, seit Sokrates (470-399 v.Chr.) konstatierte: “Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Nur sehen auch junge Menschen nun offensichtlich ziemlich kritisch auf das heutige Deutsch! Das muss zu denken geben. Aber lässt es nicht auch hoffen? Denn eine kritische Meinung ist immer noch eine Meinung, Sprache ist also für junge Leute etwas, zu dem man eine Meinung hat, das im Fokus ist.
Am vergangenen Wochenende im Zugabteil: Zwei junge Damen, vielleicht Schülerinnen; die eine (eine SMS tippend): “Schreibt man “immer noch” zusammen?” – Die andere: “Ist doch sch***egal!” – Verfall sprachlicher Werte oder ein Reflex der Tatsache, dass die Augenblickswelt elektronischer Botschaften eben eine ist, die nicht in Stein gemeißelt ist. Verzeiht der Augenblick Fehler leichter?
Die Allensbach-Studie: “Positiv wird allerdings von jedem Dritten angemerkt, dass der Wortschatz der Leute heute größer ist als früher, dass vor allem durch die Arbeit am Computer mehr gelesen und geschrieben wird als früher (23 Prozent), und 18 Prozent – darunter vor allem viele Jüngere – haben sogar den Eindruck, dass die deutsche Sprache vielseitiger, lebendiger geworden ist.”
Gut, es gibt also Hoffnung. Eine Erweiterung des Wortschatzes ist mit Sicherheit gegeben. Dafür sorgen schon die Fachsprachen, im Internet immer nur einen Klick entfernt.
Rechtschreibreform und Rechtschreibfähigkeiten ist ein zweifelsohne “heißes” Kapitel der Untersuchung, welche konstatiert:
“Die Bevölkerung kann sich noch immer nicht mit der Rechtschreibreform anfreunden. Mit der Rechtschreibreform haben sich nur wenige angefreundet (9 Prozent), die Mehrheit, 55 Prozent, spricht sich auch jetzt noch dagegen aus. Vielen ist die Rechtschreibreform letztlich ‚egal’ (31 Prozent). Spiegelt sich im allgemeinen Lamento über einen ‚Verfall der Sprachkultur’ lediglich eine Verklärung der ‚guten alten Zeit’? Die Rechtschreibkenntnisse der Bevölkerung jedenfalls haben sich in den letzten 20 Jahren nicht verschlechtert, aber auch – trotz Explosion der höheren Bildungsabschlüsse in diesem Zeitraum – nicht verbessert. Wörter wie ‚Lebensstandard’ oder ‚Rhythmus’ konnte damals wie heute nur jeder Zweite bzw. knapp jeder Dritte korrekt schreiben. Und auch Jüngere, unter 30-Jährige, schneiden bei diesem Test nicht schlechter ab als Altersgleiche vor gut 20 Jahren. Zwar reicht dieser kleine Rechtschreibtest nicht aus, das allgemeine Gefühl eines Verfalls der Sprachkultur in Deutschland zu widerlegen, weckt allerdings Zweifel an Pauschalurteilen.”
Da haben wir sie wieder: “Standard” und “Rhythmus”, Stars unserer immerwährenden Hitliste des Nachschlagens in PONS Die deutsche Rechtschreibung!
Anglizismen – da kann man sich die Umfrageergebnisse schon recht gut selbst denken, oder? Und in der Tat kommt es so:
“Vor allem Ältere und Deutsche ohne Englischkenntnisse stören sich an englischen Ausdrücken. Von den Jüngeren stören sich nur wenige daran. An die zunehmende Verwendung englischer Ausdrücke wie ‚Kids’, ‚Event’, ‚Meeting’ oder ‚E-Mail’ haben sich inzwischen viele Deutsche gewöhnt, aber 39 Prozent – in überdurchschnittlichem Anteil Ältere ohne Englischkenntnisse – stören sich daran.”
Die Befragten haben hier also, finde ich, in erwartbarer Weise geurteilt: Klar hinterfragen ältere Menschen wohl eher, ob “Event” und “Meeting” sein müssen. Ihre Lebenserfahrung sagt ihnen wohl auch, dass eine gute “Veranstaltung” und eine produktive “Besprechung” vielleicht weniger Glamour, aber mindestens den gleichen Inhaltswert haben. Aber: “Was sind schon sechstausend Anglizismen, bei einem Wortschatz von einer halben Million? Peanuts! (Oliver Baer)
Und man erfährt aus der Studie auch: ”Bayerisch und Norddeutsch bleiben die Lieblingsdialekte der Deutschen. Dialekt, Mundart wird noch von jedem Zweiten gesprochen, aber mit leicht abnehmender Tendenz. Bayerisch und norddeutsches Platt bleiben am beliebtesten, die verbreitete Abneigung gegenüber dem Sächsischen hat sich eher noch verstärkt.”
Als in Bayern Geborener (ja, auch wenn man es mir nicht gleich anhört) freut mich dies.
Die Niederraunauer Wissenschaftlerin Dr. Edith Burkhart-Funk:
“Der Dialekt ist etwas Altehrwürdiges, Gewachsenes.Das schafft Selbstbewusstsein.“ An die Eltern appelliert sie, das Sprechen des Dialektes bei ihren Kindern nicht zu unterdrücken. „Hochsprache und Dialekt können problemlos nebeneinander existieren. Das Hochdeutsche wird in der modernen Medienwelt ohnehin ohne Schwierigkeiten erlernt.“
Ich stimme zu. Ausdrücklich auch für das Sächsische.
Andreas Cyffka
27. August 2010
Liebe Leserin, lieber Leser,
als Leser des Deutschblogs sind Sie sicher auch Benutzer(in) des Onlinewörterbuchs PONS Die deutsche Rechtschrteibung. Wir würden uns natürlich riesig freuen, wenn Sie öfter darin nachschlagen oder neue Stichwörter für das Wörterbuch vorschlagen. Wörterbuchmacher fragen sich natürlich, was Menschen in einem Wörterbuch nachschlagen. Alles, was man darüber herausfinden kann, trägt dazu bei, das Wörterbuch besser auf die Bedürfnisse der Nutzer abzustimmen. Bei gedruckten Wörterbüchern ist eine Antwort auf diese Frage nicht ganz leicht. Im Online-Medium ist es natürlich eine feine Sache, dass die Technik die Suchwörter liefern kann, die am häufigsten nachgeschlagen werden. Betrachtet man diese Wörter, kann man sich häufiger denken, warum gerade sie offenbar Schwierigkeiten aufwerfen und Grund besteht, sie in einem Rechtschreibwörterbuch nachzuschlagen.
Ein Wort , das sehr oft nachgeschlagen wird, ist “Haus”. Das auf den ersten Blick unproblematische Wort wirft aber auch einige Fragen auf, wenn es nämlich in bestimmten Kombinationen auftritt. So kann man “Haus halten”, aber auch “haushalten” , man schreibt “außer Haus” und “von Haus aus”. Geht es um die eigene Wohnstätte, sind zwei Schreibungen gleichberechtigt: ” Nach Haus(e)/zu Haus(e)/von zu Hause(e) sind richtig und “nachhaus(e)/zuhaus(e)/von zuhause” sind ebenfalls richtig.
Das nächste Wort: Die Sache ist sehr oft “kalt”, die Schreibfragen “heiß”: Die Rede ist vom “Buffet”; diese Schreibung hat auch eine Alternative: “Büfett”. In der Schweiz und in Österreich wird allerdings “Buffet” bevorzugt.
Ganz oben in der Nachschlagehitparade – das sehr alltägliche “hallo”. Warum? Das sonst kleingeschriebene “hallo” kann auch als Substantiv verwendet werden (“mit großem Hallo”) und wird dann “Hallo” geschrieben. Die Wahl hat man wieder beim “Hallo sagen” oder “hallo sagen”.
Ein “Standard” ist etwas, das man einhält – oder nachschlägt. Grund für häufiges Nachschlagen ist wohl der Wunsch, sich des letzten Buchstabens zu versichern: “d” beim “Standard” , nicht zu verwechseln mit der “Standarte” (einer kleinen Fahne).
Was führt ”Status” und “Fundus” in die Hitliste des Nachschlagens? Sollte es die Frage nach dem Plural sein: Der ist NICHT “Stati” oder “Fundi”, sondern lautet – auch “Status” bzw. “Fundus” . Manchmal ist die Sprache einfacher als man denkt.
Gern nachgeschlagen: “Ich weiß”. Ja, das wird mit “ß” gechrieben, denn ein “ß” hat nach wie vor nach Diphthongen wie “ei” zu stehen: Es heißt also nicht “weiss”. Unsere Leser in der Schweiz werden aber einwenden, dass es doch “weiss” heißt und das ist auch richtig, denn in der Schweiz benutzt man das “ß” nicht; gar nicht.
Das “Modell”, warum nachschlagen? Um es nicht mit mit dem “Model” (Fotomodell; mit kurzem “o” gesprochen) zu vertauschen und auch nicht mit dem “Model” (Gussform; mit langem “o” gesprochen).
Das Wörtchen “dass” bleibt in alter wie in neuer Rechtschreibung eine Fehlerquelle erster Güte. Kein Wunder, die Entscheidung zwischen “das” und “dass” setzt ja im Grunde eine richtige syntaktische Analyse voraus. Den Artikel schreibt man “das” wie in “das Haus”, die Konjunktion schreibt man “dass” wie in “er weiß, dass …”
“Appetit”und “Rhythmus” bleiben Rechtschreibklassiker. Heiße Nachschlagekandidaten sind schließlich auch das “Dekolleté” (oder alternativ auch “Dekolletee”, aber BITTE NICHT “Dekollté”) und die “Dessous”. An diesen Schreibungen besteht ein natürliches Interesse – rein rechtschreiblicher Art natürlich. Honni soit …
Und was ist Ihr liebster Schreibfehler, Ihre persönliche orthografische Klippe? Machen Sie uns eine Freude – schreiben Sie uns!
Andreas Cyffka
24. August 2010
“Ein paar grundlegende Zitate zieren den ganzen Menschen. ” Das, liebe Leserinnen und Leser, soll Heinrich Heine gesagt haben. Und es ist ja so wahr.
Zitate werfen nicht nur ein erhellendes Licht auf den Zititierten und mehren dessen Berühmtheit, Zitate rücken auch den Zitierenden ein klein wenig an diesen Lichtkegel heran, veredeln seinen Text, kurz: Sie geben Glanz.
Das Wort “Zitat” leitet sich ab vom lateinischen “citatum”, “das Angeführte/Erwähnte”, dem Partizip Perfekt des Verbs ”citare”, “herbeirufen”. Letzteres stellt sich zu “ciere”: “in Bewegung setzen, herbeirufen”. Eine schöne Etymologie: Denn ein gut gewähltes und geschickt “eingebautes” Zitat ruft in der Tat die Geisteswelt des Zitierten herbei und ist angetan, beim Leser Gedanken in Bewegung zu setzen. Freilich will der Umgang mit Zitaten – und in diesem Punkt sind sie vielleicht Gewürzen vergleichbar – geübt sein, geprägt vor allem von viel Fingerspitzengefühl, einer sicheren Hand und dem rechten Maß.
Nicht alle Aussprüche, Textstellen und Aphorismen, die uns in unserer täglichen Arbeit so unterkommen, finden ihren Weg immer gleich in den Deutschblog. Dennoch wäre es ein Jammer, wollten wir Ihnen diesen Reichtum vorenthalten, weshalb wir heute – locker thematisch geordnet – einige unserer Lieblingszitate präsentieren: Lassen Sie sich also ein auf die Gedankenwelt der Zitierten!
Anglizismen:
Das finale Statement zu Anglizismen stammt unserer Meinung nach von Modemacherin Jil Sander (im Magazin der Frankfurter Allgemeine) : “Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß. Meine Idee war, die Hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.”
Wörterbücher:
“Ihrer natur nach können bücher dieser art erst gut werden bei zweiter auflage.”
(Jacob Grimm )
“Man laß´ein Wörterbuch nur den Verdamten schreiben. Dies’ Angst wird wol der Kern von allen Martern bleiben.”
(Kaspar Stieler im Vorwort zu seinem deutschen Wörterbuch “Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz” , 1691, (zitiert bei G. Drosdowski in “Die Leiden eines Wörterbuchmachers” ; Festschrift für den Linguisten Harald Weinrich)
„Einen Haufen Bücher mit übelerfundenen Titeln gibt es, die hausieren gehen und das bunteste und unverdaulichste Gemisch des mannigfalten Wissens feil tragen. Fände bei den Leuten die einfache Kost der heimischen Sprache Eingang, so könnte das Wörterbuch zum Hausbedarf und mit Verlangen, oft mit Andacht gelesen werden. Warum sollte nicht der Vater ein paar Wörter ausheben und sie abends mit den Knaben durchgehend zugleich ihre Sprachgabe prüfen und die eigene auffrischen? Die Mutter würde gern zuhören.“
(Jacob Grimm )
“Wörterbücher sind wie Uhren. Die schlechteste ist besser als gar keine; und von der besten kann man nicht erwarten, dass sie ganz genau geht.“ (Dr. Johnson)
“Worte sind wild, frei, unverantwortlich und nicht zu lehren. Natürlich kann man sie einfangen, einsortieren oder sie in alphabetischer Reihenfolge in Wörterbücher stecken. Aber dort leben sie nicht.”
(Virginia Woolf )
Gedichte:
„A WORD is dead
When it is said,
Some say.
I say it just
Begins to live
That day.“
(Emily Dickinson)
“Baum war es unverfälscht [...]
und die Worte in seinem unerschöpflichen Wipfel
funkelten durchsichtig und tönend,
fruchtbar im Laubwerk der Sprache,
voller Wahrheit und Wohlklang.
Wörterbuch, du bist nicht Grab,
nicht Friedhof, nicht Sarg,
Hügel der Toten, Mausoleum,
sondern Bewahrung,
verborgenes Feuer, Rubinengarten,
lebendige Verewigung des Seins,
Kornspeicher der Sprache. „
(Pablo Neruda, “Ode an das Wörterbuch ”)
„Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.“
(Jorge Luis Borges, ”Ode an die deutsche Sprache“ )
Semantik:
“Mein Großonkel warf mich aus seiner Firma, verfluchte mich und enterbte mich. Ich kehrte zu Studien zurück, die meinen Neigungen und meinem Glauben an die letztendliche Zwecklosigkeit des Lebens und des Wissens eher entsprachen, und vertiefte mich mit Wonne in Literatur, Linguistik und Semantik [...].”
(Michel Rio: Passatwinde. 1984.)
Deutschlernen:
“Worum geht es? Man erwartet von Deutschlernenden, dass sie wissen, wo Rhein und Elbe liegen, dass Goethe kein Städtename ist usw. Das ist vermutlich Allgemeinbildung und wird übrigens in offiziellen Deutschprüfungen in der Regel nicht vorausgesetzt (was bei französischen Französisch-Prüfungen hingegen möglich ist). Oft geht man auf politische Bildung aus. Was ist eine Bundesrepublik? Dann scheint man wieder zu denken, Deutschlernende müssten die deutschsprachigen Länder auch mögen oder zumindest interessant finden, ihnen menschlich näher kommen. Und schließlich hat man entdeckt, dass Sprechhandlungen oft nicht gelingen wollen, wenn das Wissen um nicht-versprachlichte Kontexte fehlt. Zum Geburtstagskaffee bringt man keine Hinkelsteine mit. Morgens sagt man ‘Guten Morgen’, riskiert aber damit nach 10, der Langschläferei verdächtigt zu werden.”
(Achim Seiffarth, “Von der Reproduktion zur Produktion. Deutsch-italienische Kulturübungen” in: Zeitschrift für interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 2002)
Rechtschreibreform:
“Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer
großen Reform in einem Volke vorhanden,
so ist Gott mit ihm, und sie gelingt.“
(Johann Wolfgang von Goethe 1824 )
“Ich persönlich werde in meinem Leben nicht mehr zur vollen Beherrschung der neuen Rechtschreibung vorstoßen.”
(Angela Merkel, B.Z. Berlin, 25. 7. 2004)
„In der Kalligraphie beweist man Geschmack, in der Orthographie macht man
Fehler“. Für die Orthographie gilt: „Ihr Nimbus ist denkbar schlecht. Der Orthographiekundige steht nie im Ruf des Künstlers, allenfalls dem des Beckmessers“
( Christian Stetter: Orthographie als Normierung des Sprachsystems. In: HSK 10.1, 687– 697)
Liebe:
„Deutsch begeistert mich. Diese Tiefe, dieser Reichtum, diese Deutlichkeit. Ich knie nieder vor dieser Sprache. Sie ist ein Geschenk.“
(Xavier Naidoo)
Internet:
„Das Internet ist das maschinelle Gedächtnis der Welt. Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensibus: Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre heißt der 1. Grundsatz des sensualistischen Empirismus. Nun gilt Nihil est in memoria, quod non prius fuerit in Internassa.“
(Alois Brandstätter, österreichischer Schriftsteller und Sprachwissenschaftler)
Andreas Cyffka
23. August 2010
Wörterbücher sind nur Gebrauchsgegenstände; kaum interessant genug, sie nach dem Finden des darin Gesuchten eines weiteren Blickes zu würdigen, ihre Macher eher gelehrt als interessant.
Wir glauben, liebe Leser, dass Sie das nicht glauben.
Sie lesen den Deutschblog und wissen mehr.
Dennoch schwingen obige Fehlurteile über Wörterbücher irgendwo in der Wahrnehmung des Phänomens mit. In seiner „Ode an das Wörterbuch“ spielt der Dichter Pablo Neruda damit, wenn er das lyrische Ich das Wörterbuch als das dicke Buch mit dem Rücken eines Ochsen apostrophiert, das Lasttier. Das Wörterbuch wehrt sich nicht gegen Fehlmeinungen. Im Gedicht erblüht es als Baum mit unzähligen Ästen.
Während des Gangs durch das Alphabet explodieren Wörter im Licht, das Wörterbuch ist das von verborgenem Feuer erfüllte Reich der Sprache selbst, ein dichter Dschungel, über den der Dichter sagen kann:
Ich bin Teil der Erde, aber mit Wörtern singe ich.
Mit Wörtern singe ich. In der Tat finden sich nicht wenige Beispiele dafür, dass Wörterbücher und ihre Macher sich zum Objekt literarischen Schaffens eignen.
Ein Großer liefert dieser Tage das Buch, das die Idee zu diesem Artikel gab. Günter Grass mit seinem neuen Roman Grimms Wörter.
Die Brüder Grimm erhielten im Jahre 1838 den Auftrag ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu schaffen. Doch im Laufe des Unternehmens erst stellt sich die Größe der Aufgabe heraus. Sie stehen vor einem Berg, dessen Gipfel erst von ihren Nachfolgern im Januar 1961 mit dem 32. und letzten Band des Wörterbuches erreicht werden sollte. In der Einleitung zum “Deutschen Wörterbuch” heißt es: “Deutsche geliebte Landsleute, welches reichs, welches glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane halle eurer angestammten, uralten sprache.” (Wir von PONS würden heute unser OpenDict als Erweiterungsbau zur “aufgethanen Halle” ergänzen).
Ein ganz anderer Roman, der mit dem Thema Wörterbuch zu tun hat, heißt auch so: Das Wörterbuch von Jenny Erpenbeck. Während Grimms Wörter Geschichtliches und Sprachliches um die Figuren von Wörterbuchschöpfern gruppiert, greift Das Wörterbuch den formalen Aspekt eines Wörterbuchs auf, das Gebundensein von Inhalten an einzelne Wörter.
Der Roman, dessen Handlung in einem nicht benannten, südamerikanischen Land um ca. 1980 spielt, hat als Thema die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen der Erzählerin und die Suche nach deren Vergangenheit. Es sind einzelne Wörter, die helfen, verdrängte Erlebnisse freizulegen und die Erzählerin letzendlich ihre Freiheit zurückgewinnen lassen.
Ein Roman als Lexikon: Auch im Titel des Romans Kleines Wörterbuch für Liebende der chinesischen Autorin Xiaolu Guo findet sich das magische W-Wort, genauer gesagt in der deutschen Ausgabe, die Anne Rademacher aus dem Englischen übersetzt hat.
Der Roman erzählt auf ungewöhnliche Weise die Geschichte der 23-jährigen Chinesin Zhuang, die von ihren Eltern zum Englischlernen nach London geschickt wird und sich dort verliebt. In Anlehnung an ihren Spracherwerb ist das Buch wie ein Wörterbuch angeordnet. Die Texte, die zu Einträgen wie “Isolieren”, “Held”, “Streit”, “Prostituierte” oder “Identität” sich im Roman reihen, handeln von der Verarbeitung von Fremdheit und der Aneignung einer anderen Kultur.
Einen richtigen Wörterbuch-Thriller gibt es schließlich von Simon Winchester. Der Mann, der die Wörter liebte handelt von der Entstehung des berühmten Oxford English Dictionary.
Im Jahre 1857 wurde ein ungewöhnliches Projekt in London initiiert. Die englische Sprache sollte in ihrer ganzen Vielfalt in einem Wörterbuch festgeschrieben werden. Erst 70 Jahre später war das vollendet, was wir heute als The New Oxford Dictionary of English kennen. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Grimmschen Unternehmen ist unübersehbar.
Der Mann, der die Wörter liebte erzählt die wahre Geschichte der Begegnung zweier Männer. Dr. W.C. Minor ist der eine, weitgereister Amerikaner, Teilnehmer am Bürgerkrieg, später in London Mörder und Insasse einer englischen Straf- und Irrenanstalt, der sich über viele Jahre als fleißiger und akkurat arbeitender freiwilliger Mitarbeiter am Oxford English Dictionary hervorgetan hat. Der andere ist James Murray, der Herausgeber des bekannten Wörterbuchs, der seinen inzwischen unentbehrlichen Mitarbeiter einmal kennenlernen möchte. Ihm war lange Zeit nicht bekannt, wer dieser Dr. Minor war.
Vier Autoren, vier Romane, ein einleitendes Gedicht, ein abschließender Gedanke: Das Wörterbuch ist den zweiten Blick wert. Machen Sie daher nicht nach dem zweiten Klick kehrt. Mit Information und Inspiration will unser Sprachenportal dazu beitragen, dass noch mehr Männer und Frauen die Wörter lieben.
Andreas Cyffka